Vorsicht, Generation!

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Generation Angst, Generation Golf, Generation Facebook, Generation Berlin, Generation Filesharing,… der Begriff der Generation ist aus Klappentext- und Kritikerprosa nicht mehr wegzudenken.

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Generation Angst, Generation Golf, Generation Facebook, Generation Berlin, Generation Filesharing,… der Begriff der Generation ist aus Klappentext- und Kritikerprosa nicht mehr wegzudenken. In den letzten Jahren wurden etwa Sarah Kuttners „Wachstumsschmerz“ (Generation Phantom-Wunde), Rebecca Martins „Und alle so yeah“ (Generation Grübeln) oder Lisa Ranks  „Bist du noch wach“ (Generation Wir) damit bedacht. Es handelt sich durchweg um autobiographisch grundierte Romane, durchdrungen von finanziell abgefederter Heimeligkeit; das Heimdekor gerät wichtiger als die zur Kulisse verkommende Außenwelt: „Ich weiß, wie lange der Käse schon im Kühlschrank liegt, aber nicht, was der Nahostkonflikt macht, ich war noch nie so nah an allem dran…“ heißt es etwa bei Lisa Rank. Im privaten Wohnzimmer, auf Parkett und unter Stuck, etablieren die Protagonisten eine eigene Sprache und eigene Diskurse. Musik ist die wichtigste Lebensgefühlscodierung; nicht selten ist sie, wie bei Rebecca Martin, Versuch, Belanglosigkeiten bedeutsam erscheinen zu lassen: „Ich trinke Milch. Jasper telefoniert. Ich trinke noch mehr Milch. Jasper geht in sein Zimmer… Ich trinke die Milch aus. The Clash singen Live by the river.

 

Was 1998 mit Stuckrad-Barres „Soloalbum“ – ein deutlich von Christian Krachts Yuppiebefindlichkeitsstudie „Faserland“ beeinflusster Roman – begonnen hat, setzt sich bis heute fort. In den so genannten Generationsromanen geht die Selbstreflexion des Protagonisten nur selten über die Oberflächlichkeit hinaus, die er bei anderen beklagt; gern setzt er seine Beziehung mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kälte aufs Spiel, um den Partner im Nachhinein zu idealisieren. Konsum wird als Symbolsystem geadelt: Es braucht die richtigen Konzerte und Festivals, ohne I-phone ist Leben unmöglich und wenn der Partner nicht daran denkt, Risottosalz beim Kaiser’s zu besorgen, ist der Riss in der Beziehung so tief, dass er nur in ein Songzitat zu fassen ist. Dass die jungen Autoren sich meist gegen das Generations-Label verwehren, das ihnen von ihren Verlagen und im Feuilleton aufgedrückt wird, mag weniger mit Bescheidenheit, sondern vor Allem damit zu tun haben, dass dieses Label nicht mit der melancholischen Individualitätsüberzeugung vereinbar ist, die in ihren Büchern aufscheint. Trotz aller Dementi bleibt das Label „Generation“ an den jungen Autoren kleben – die PR-Maschinerie der Verlage ist wirkmächtiger.

 

Der Begriff der Generation ist jedoch kein feststehender Parameter, sondern durch und durch willkürlich. Er entsteht im Diskurs; Geschichtswissenschaft, Kunstgeschichte, Soziologie und Literaturwissenschaft warten mit unzähligen, konkurrierenden Definitionen und Ausdeutungen auf.  Fest steht: der Begriff „Generation“ ist eine Verheißung, ein implizites Versprechen, dass eine bestimmte Altersgruppe anders denkt, fühlt und handelt als ihre Vorgänger. Doch wann konkret ist die Zäsur zu setzen? Welches Datum soll so prägnant sein, dass es Denken und Handeln von Menschen so fundamental (und einheitlich) verändert? Wie soll überhaupt mess- und beweisbar sein, dass eine Altersgruppe auf identische Probleme identisch reagiert? Die hochfrequente Nutzung des Labels „Generation“ erschafft einen eigenen Evidenzeffekt: Verlage verwenden es, weil es eine gut verkäufliche Marke darstellt, und Kritiker übernehmen es unterhinterfragt, obwohl ihre Aufgabe eigentlich darin bestehen sollte, solche plumpen Verallgemeinerungen zu  ignorieren und ein Buch jenseits seines Labels genau in den Blick zu nehmen. So wird ein homogener Kanon konstruiert, dessen Werke mehrheitlich von weißen, bürgerlichen Autoren stammen.

 

1998 hat mit Benjamin Stuckrad-Barres „Soloalbum“ die Blütezeit der jungen Souveränen im Literaturbetrieb begonnen: Hohe Vorschüsse und mediale Inszenierungen des Autors, der entsprechend anspruchskompatibel und vorzeigbar sein muss. Damit wird auch verstärkt, was von Anfang an Problem eines Literaturbetriebs war, der sich parallel zum Bürgertum entwickelt hat und bis heute dort verankert ist. Bürger zu sein und damit Bürgerrechte und Zugang zur Gesellschaft zu haben, heißt soziohistorisch betrachtet, weiß, männlich, heterosexuell und körperlich-geistig unversehrt zu sein. Die gesteigerte Durchlässigkeit der heutigen Gesellschaft ändert nichts daran, dass, wie Carolin Amlinger im Freitag betont hat,  (nicht nur) in der Kultursphäre noch immer ein wirkmächtiger Habitus existiert: ein nicht allgemein zugängliches Wissen um Funktions- und Verhaltensregeln. Die Bildungsforschung beweist, dass der Erfolg von Kindern, deren Eltern nicht finanziell etabliert sind, gefährdet ist, weil es ihnen am Wissen um die Codes fehlt, die privilegierteren Kindern und jungen Erwachsenen ihren Weg ebnen. 2008 zeigte sich, dass nur jeder zwanzigste Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes von so genannter „niedriger sozialer Herkunft“ war; hauptsächlich gefördert wurden Akademikerkinder, die genug Zeit haben, um sich sozial oder politisch zu engagieren, deren finanzielle Ressourcen problemlos für Bewerbungsmaterialien oder Reise- und Unterkunftskosten für universitäre Tagungen  ausreichen, und die sich vor Allem im Akademikermilieu ungezwungen bewegen können. Es existieren keine vergleichbaren Studien, die sich der Förderung von nicht-privilegierten Autoren widmen. Letztlich muss man aber keine Statistiken bemühen; es reicht, sich in nächster Nähe umzuschauen. Wer nimmt an Lesungen teil, wer tanzt auf Verlags- oder Buchmessenpartys, wer nimmt an geförderten Textwerkstätten teil oder, bezogen auf ein Studium an einer Schreibschule: Wer ist mein Kommilitone? Aus solchen Alltagsbeobachtungen lassen sich erste Schlussfolgerungen treffen, wie es um die Sichtbarkeit von Menschen jenseits der weißen, etablierten bundesrepublikanischen Mittelschicht bestellt ist.

 

Wenn ein junger deutscher Autor ein unpolitisches, inhaltsarmes Buch vorlegt, erntet er zwar Kritik, aber es wird gleichzeitig als Realität postuliert, dass jemand, der finanziell abgesichert in einem politisch stabilen Land lebt, keine Empathie oder Neugier für die Welt entwickeln kann. Es ist bezeichnend, wenn etwa Marko Martin in der taz über die junge deutsche Literatur klagt und dann formuliert: „Wie froh ist man da, dass es hierzulande noch Einwanderer… gibt“, für die ihm übrigens auch nur zwei Beispiele einfallen. Die Literaturkritik konstruiert Rollenklischees, die letztlich keinem Autoren gerecht werden. Es findet maximal kritische Erwähnung, wenn im für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Debütroman von Fabian Hischmann das Rauschen des Schwarzwalds mitschwingt; bei Autoren mit Migrationshintergrund hingegen wird eifrig gelobt, wie gekonnt etwa der Bosporus sprachlich zum Leben erweckt wird.

„Kanak Sprak“ von Feridun Zaimoğlu, 1995 erschienen, zählt zu den besten Werken der deutschsprachigen Migrantenliteratur, auch, weil es nicht nur die Forderung nach einer solchen Literatur markiert, sondern gleichzeitig aufzeigt, dass diese immer auch als exotisches Ritual hervorgebracht wird. Die Literaturkritik hat klare Vorstellungen, wie Migrantenliteratur auszusehen hat: Sie soll wahlweise, wie Maxim Biller in der Zeit treffend bemerkt, brave Einwanderergeschichte sein, lieber noch aber traumadurchtränkt daherkommen; sie soll vom Krieg erzählen, vom Elend. Als wäre nur ein schweres Leben gutes Fleisch und der Autor nichts weiter als ein Wurstmacher. Diese Literatur wird anerkannt, oft auch prämiert, immer aber  unter Überbetonung der regionalen oder sozialen Herkunft, immer im Zuge einer Ethno- Romantisierung, die dem Fremden eine besondere Eigenschaft zuschreibt, dabei aber die subjektiv empfundene Andersartigkeit und die unausgesprochenen Regeln der Zugehörigkeit nur einzementiert. Von einer „Generationsstimme“ ist bei jungen und herausragenden Autoren wie Marica Bodrožić, Alina Bronsky, Lena Gorelik, Olga Grjasnowa oder Saša Stanišić nur selten die Rede; der Begriff der Generation ist für andere reserviert.

Der amerikanische Ethnologe Clifford Geertz hat 1973 das Konzept der „dichten Beschreibung“ entworfen: Wenn ein Ethnologe einen Bericht über eine Volksgruppe verfasst, muss immer auch der Hintergrund des Schreibenden dargestellt werden, damit nachvollziehbar wird, wie genau die Forschungsergebnisse zustande kommen. Wenn etwa Meike Feßmann bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2013 verkündet, der Auszug aus Heinz Helles Debütroman „Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“ sei ein Generationenporträt, wäre eine selbstreflexive Hintergrundnotiz sinnvoll gewesen: Lässt sich diese Aussage vielleicht als Urteil einer Intellektuellen um die fünfzig werten, die unterstellt, jeder junge Mensch habe dieselbe elitäre Ausbildung wie sie genossen und ein plumper Text sei sicher gar nicht plump, sondern wolle der Gesellschaft nur raffiniert den Spiegel vorhalten? Helles Protagonist ist ein Bewusstseinsphilosoph, der große Probleme damit hat, die Welt wahrzunehmen. Er kann sich ein Langzeitstudium in Philosophie problemlos finanzieren und verliert sich in seiner zur Genüge vorhandenen Freizeit in rassistischen und sexistischen Gedankenspielen. Wenn ein finanziell abgesicherter und gelangweilt-zynischer Protagonist als Stellvertreter einer ganzen Bevölkerungsgruppe gewertet wird, entlarvt das den Feuilletonbegriff „Generation“ endgültig als Armutszeugnis: Er wird angewendet, wenn ein Roman sich keinen großen Fragen stellt, wenn er von einem privilegierten, reizarmen Alltag erzählt, keinen komplexen Plot und keine elaborierte Sprache bietet. Ein „Generationsroman“ hat kein Gewicht; Verlage und Kritiker beschweren ihn künstlich mit einer PR-Phrase, um so zu tun, als beurteilten sie nicht nur ein Buch, sondern klärten gleich über den Zustand der Welt auf, genauer: der Welt, die sie kennen.

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