High sein als Forschungsprojekt

Artikel für DIE ZEIT

Dass Adam Gordon sich selbst nicht über den Weg traut, ist nur angemessen. Der junge amerikanische Lyriker sitzt ein Aufenthaltsstipendium in Madrid ab; aus seinem ursprünglichen Schreibprojekt, einem langen Gedicht, in dem das literarische Erbe des spanischen Bürgerkriegs ausgelotet werden soll, sind neurotische Tagespläne geworden: „Zur ersten Phase meines Forschungsprojekts gehörte, dass ich mich vom Lärm der Plaza Santa Ana wecken ließ, dann den rostigen Espressokocher aufsetzte und mir einen Joint drehte … Als Nächstes erforderte mein Projekt, zu scheißen, zu duschen, meine weißen Tabletten zu nehmen und mich anzuziehen.“

 

Vor seiner Abreise aus den Vereinigten Staaten hat sich Adam einen Jahresvorrat an Tranquilizern besorgt, ohne die er sich handlungsunfähig fühlt und deren Dosis er eigenmächtig immer weiter erhöht. Bis der Cocktail aus Hasch, Alkohol und Beruhigungsmitteln ihn tatsächlich handlungsunfähig macht, irrt der junge Amerikaner durch Madrid, auf der Suche nach Anschluss, vor Allem aber auf der Flucht vor Erwartungen, von denen er sich erdrückt fühlt: Er soll seine Texte öffentlich vortragen, an Diskussionsrunden teilnehmen und Bedeutsames von sich geben, obwohl seine Sprachkenntnisse rudimentär sind, obwohl er keine Ahnung von spanischer Literatur hat und ihm jede, wie er es nennt, „tiefgehende Kunsterfahrung“ fehlt: Mit den meisten Gedichten kann der Lyriker nichts anfangen – seine eigenen Gedichte, die aus Fragmenten gelöschter E-Mails und verfremdeten Zitaten bestehen, eingeschlossen.

 

Mit Floskeln erfolgreich

 

Im Schreiben wie im Leben versteckt sich Adam hinter Fragmenten, hinter dem Gedankengut Fremder: Seine Stipendienbewerbung hat ein Freund verfasst, für Podiumsdiskussionen  lernt er Zitate auswendig und wenn er sich als tragischer (und damit attraktiver) Künstler inszenieren will, gibt er traumatische Erlebnisse seines besten Freundes als die eigenen aus, das Gesicht zu einer Miene verzogen, die er einem Christus-Votivbild abgeschaut hat.

 

Der 34jährige Ben Lerner führt vor, wie man sich mithilfe weniger Floskeln und Schlagwörter erfolgreich durch den Literaturbetrieb manövrieren kann: Adam sorgt bei Lesungen für Begeisterung, weil seine Gedichte nichts weiter leisten müssen, als Gedichte zu sein und von einem ausländischen Autoren zu stammen. Bei Podiumsdiskussionen werden sowohl in sein Schweigen als auch in seine auswendig gelernten Allgemeinplätze tiefschürfende Bedeutungen interpretiert. (Ein Schelm, wer vermuten würde, dass Lerner hier Erfahrungen, die er als Fulbright-Stipendiat in Madrid sammeln durfte, verarbeitet!)

 

Der Literaturbetrieb trägt nicht dazu bei, dass Adam eine „tiefgehende Kunsterfahrung“ machen kann, er verstärkt lediglich sein Gefühl, nur noch aus Kostümierung zu bestehen. Die Substanzkirmes in Adams Blutkreislauf trägt ihr Übriges dazu bei, dass der junge Lyriker sowohl sich selbst als auch seine Umwelt als unecht, als Farce erlebt. Nichts fühlt sich neu an, alles scheint nur noch Zitat zu sein – ein Gefühl, das sich durch den kompletten Roman zieht: Bereits die Einstiegsszene trägt verdächtig viele Züge von Thomas Bernhards „Holzfällen“, der Romantitel „Abschied von Atocha“ ist eigentlich der Titel eines Gedichts von John Ashbery und ein Gedicht, das Adam bei einer Lesung vorträgt, besteht ausschließlich aus Sätzen, die der Romanerzählung entnommen sind.

 

Ein Antiheld par excellence

 

Dass „Abschied von Atocha“ weder zur Abhandlung über den Tod des Autors noch zur trübsinnigen Selbstzerstörungschronologie avanciert, ist dem herrlich trockenen Erzählton zu verdanken. Viel passiert nicht in diesem Roman, aber die Kombination aus Adams absurdem Verhalten und seinen ironischen inneren Monologen wiegt alles auf. Unbezahlbar, wie Adam sich Speichel unter die Augen reibt, damit es so aussieht, als hätte er geweint, und sich währenddessen ausmalt, welche erotische Wirkung sein feuchtes Gesicht auf seine gutaussehende neue Bekannte Teresa haben wird, oder wie er mit seinem schlechten Gewissen kämpft, während er sich eine tragische Familiengeschichte erfindet: „«Mein Vater», sagte ich, «ist im Grunde ein Faschist… Er respektiert nur Gewalt.» Während ich das sagte, dachte ich an meinen Dad, wie er geduldig versuchte, eine Spinne dazu zu bringen, dass sie vom Teppich auf ein Stück Papier krabbelte, damit er sie unversehrt vom Haus in den Garten befördern konnte.“

 

Erst nach den Terroranschlägen vom 11. März 2004 kann sich Adam nicht mehr mit Phrasen oder erfundenen Traumata retten; man erwartet von ihm eine politische Positionierung, die ihn, wie jede Erwartung, überfordert. Statt zu demonstrieren oder zu schreiben, kifft er und versucht, Teresa zu verführen. Über die Entwicklungen in seiner unmittelbaren Umgebung informiert er sich auf der Internetseite der „New York Times“, für die, wie er lapidar konstatiert, ohnehin jeder Tag „der tödlichste Tag seit Beginn der Invasion“ ist. Adams Desinteresse an der Realität lässt sich nicht nur durch den Kampf zwischen Bewusstseinserweiterung (Tabak, Alkohol, Drogen) und Selbstentfremdung (Tranquilizer) erklären, der in seinem Blutkreislauf stattfindet; immerhin bleibt ihm genug Energie, um innere Hassreden zu schwingen, wenn er sich von Frauen nicht ernst genommen oder von Stiftungsvertretern in die Pflicht genommen fühlt, als Vorzeigestipendiat aufzutreten.

 

Der 34jährige Ben Lerner hat nach drei Gedichtbänden einen fulminanten Debütroman veröffentlicht. Sein Protagonist ist ein Antiheld par excellence: In keinerlei Hinsicht verlässlich, narzisstisch, versunken in spätpubertären Stimmungsschwankungen; ein Hipster, der, wenn überhaupt, nur in der Retrospektive Freude empfinden kann. Würde man ihn persönlich kennen, man wollte ihn binnen kürzester Zeit erwürgen. Die Romanfigur Adam Gordon aber ist unwiderstehlich: Ein herrlich missmutiger Neurotiker, der sich ein Fauxpas-Feuerwerk nach dem anderen leistet und jede Ernsthaftigkeit zum Abschuss frei gibt. Adam Gordon ist der Beweis dafür, dass die wichtigste Kulturtechnik darin besteht, nicht nüchtern zu bleiben.